Unqualifizierte Touristikmanager (2)
... oder "Wie manche zu ihrem Titel kamen"
In dem ersten Beitrag mit diesem Titel hatte ich erwähnt dass die erste Generation der Touristikmanager der Insel grossteils total unqualifiziert war, dass Ende der 60-er Jahre der Titel “Techniker in Tourimus” eingeführt wurde und dass alle damals schon in Führungspositionen tätigen Manager den Titel als“Touristikdirektor” entweder direkt bekamen oder diesen mittels Lehrgängen/Schulungen mit Endprüfung erlangen mussten. Ich gehörte zu dieser letzten Gruppe.
9 Monate die ‘Schulbank drücken’ - selbst ein paar Stunden nachmittags/abends - war damals für die meisten der Betroffenen ein Problem. Man arbeitete rund um die Uhr, hatte wahrscheinlich auch eine Familie, und viele waren ausserdem noch oft auf Reisen (in jenen Jahren war ich Marketing- und Verkaufsdirektor von IBEROTEL und machte im Schnitt 100/120 Flüge/Jahr). Also musste man sich etwas einfallen lassen um mit dem geringsten Aufwand die Prüfung zu bestehen um den Titel zu erlangen.
Schnell wurde ein Treffen einiger Beteiligten einberufen um zu beraten wie man vorgehen sollte/konnte. Alle hatten Ideen, so gut wie alle wurden schnell verworfen. Bestechen konnte man niemanden (wen, und wie?), in der Prüfung selbst hatte man keine Möglichkeiten denn die Prüfungsthemen wurden mittels numerierten Kugeln unmittelbar vor der Prüfung aus einem Säckchen gezogen, die Papierbögen auf denen die Prüfung stattfand waren numeriert und hatten bei jeder Prüfung eine andere Farbe, auf den Tischen durfte nur das offizielle Prüfungsprogramm mit der Auflistung der Prüfungsthemen liegen…….
Prüfungsprogramm? Hier müsste doch etwas zu machen sein? Man ernannte eine Arbeitsgruppe um diese Möglichkeiten näher zu studieren. Und diese Arbeitsgruppe kam zu folgendem Vorschlag:
- Man musste jemanden finden der in Stichwortformat die Antworten aller zu behandelten Themen ausarbeiten konnte
- Man musste sich mit der Druckerei die das offizielle Prüfungsprogramm druckt in Verbingung setzen (in Madrid) um sie zu überreden – natürlich zahlenderweise - diese Antworten auf alle möglichen Prüfungsthemen im Format des offiziellen Prüfungsprogramms zu drucken
… und so musste man während der Prüfung nur aus dem ‘gefälschten’ Prüfungsprogramm abschreiben.
‘Unterwegs’gab es noch ein paar technische Detaills zu lösen. Die Aufzeichnungen für alle Prüfungsthemen passten nicht alle in das Format des offiziellen Prüfungsprogramm (das ware sonst fast zum Buch geworden), also mussten verschiedene ‘Programmhefte’ – der jeweilige Inhalt nach Themen aufgeteilt – gedruckt werden. Und da das ganze ja raffiniert und ‘nur vom Feinsten’ sein sollte, mussten die Aufzeichnungen so gedruckt werden (von der Optik her, mit Paragrapheneinteilung, Seitennummern, etc. ) dass man auch beim hinschauen nicht bemerken konnte dass diese “Spieckhefte” gar nicht das offizielle Prüfungsprogramm waren.
Alle an dieser ‘Nacht- und Nebelaktion’ Beteiligten haben die Prüfung natürlich bestanden und kamen so zu dem notwendigen Titel als “Touristikdirektor”. Über das Geld was uns diese Aktion damals gekostet hat – ausarbeiten derPrüfungsthemen, Druckerei, Reisen anch Madrid, etc., etc. – sprechen wir nicht.Es war uns die Sache wert.
Nicht alle haben diesen Titel dann auch in der Praxis tatsächlich gebraucht. In den ersten Jahren wurde viel mit diesen Titeln gehandelt (viele Hoteldirektoren kamen nie zu diesem Titel, waren somit ‘offiziell’ nur Subdirektor der Hotels während der offizielle Direktor – der in der Praxis nie anwesend war – jemand war der diesen Titel hatte).
Ein schönes Zertifikat bekamen wir natürlich auch. Und wenn ich mir jetzt die Ehrentafel der Teilnehmer an den Schulungen und der letztmöglichen Prüfung des‘Schuljahrs’ 77/78 ansehe (nur ein Teil war an der beschriebenen Aktion beteiligt) sehe ich die Bilder vom “Who is who” der ersten Generation Touristiker der Insel (z. Bs. späterer Direktor der Hotels Palas Atenea, Bonanza Playa und Son Vida, späterer Generaldirektor der HOTELES GLOBALIA Hotelkette, Balearenchef von ULTRAMAR EXPRESS (heute TUi Spanien), Eigentümer und Geschäftsführer von VIAJES COSMELLI, späterer Generaldirektor von CENTAURO RENT-A-CAR, und … und … und… ).
Bildlich sah das ganze so aus:
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Sammlung der ‘falschen Prüfungsprogramme” (Spieckhefte)
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‘falsche Prüfungsprogramme’ (hier sieht man die unterschiedliche Dicke)
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Diplom (ohne Name)
(Alle Seiten der Spieckhefte sahen optisch gleich aus, mit gleichen Seitennummern, gleichen Paragraphen … aber wenn man genauer hinschaut und liest, sieht man dass der Text ein ganz anderer ist. Die Seitenummern stimmten mit denen des zu behandelnten Themas im offiziellen Prüfungsungsheft überein).
Ich habe irgendwo einmal gelesen dass es ein Museum der besten ‘Spickzettel- und Hefte’ geben soll. Diese Aktion hätte dort bestimmt einen Ehrenplatz verdient.