Castros tropischer Sozialismus habe Schiffbruch erlitten, habe ich kürzlich einem sehr einseitig geschriebenen Artikel des in Argentinien lebenden Journalisten “Christian Jacobsen” entnommen.
Wer in der Revolution Castros nichts anderes sehen mag als ihre terroristische und despotische Seite mit einem alten unbeirrbaren diktatorischen Ideologen an der Spitze und die Errungenschschaften auf der Karibikinsel verdrängt, ist auf beiden Augen blind. Im vorrevolutionären Kuba vegetierten breiteste Bevölkerungsschichten auf dem Land dahin -- ein Bild, das sich dem Besucher in vielen andern Ländern Lateinamerikas noch heute bietet.
Fidel und sein Freund und Mitstreiter Che Guevara haben reale und imponierende Leistungen erbracht. Ich denke dabei an die unzähligen Großfamilien in den Slums südamerikanischer Großstädte, die in unmenschlichen Behausungen jeden Tag ums nackte Überleben kämpfen und an die Kinder, die in brutalen organisierten Banden auf der Strasse aufwachsen und ohne Schulbildung nicht die geringste Zukunftsperspektive haben.
Im Gegensatz zu diesen traurigen Verhältnissen habe ich im nachrevolutionären Kuba niemals hungernde Menschen und Bettler angetroffen. Als Herzstück des kubanischen Ernährungssystems wurde die “libretta” eingeführt. Ein Bezugsheft für vom Staat garantierte extrem billige Nahrungsmittel. Damit wurde erreicht, dass jeder Kubaner täglich so viele Proteine erhält, wie die Weltgesundheitsorganisation fordert. Für Kranke, Alte, Kinder und Schwangere gab es unter der Bezeichnung “dieta” Sonderzuteilungen. Erwähnenswert ist ebenfalls die Beseitigung des Analphabetentums. 97% aller Kinder besuchen die Schule. Die Spitzenposition Kubas in der Biotechnologie und in der Medizin sind Früchte des Bildungssystems.
Diese imponierenden Leistungen wegzudiskutieren wären genau so unsinnig, wie den politischen Druck auf Kritiker zu leugnen. Das Regime hat nicht nur Kräfte gefesselt, sondern auch Kräfte entbunden. Eben darum fühlt man sich dauernd hin- und her gerissen zwischen Ablehnung und Bewunderung von Fidel und Che, wenn man daran geht, die Umrisse des Systems zu analysieren.