Mein Urlaubsziel und politische Verhältnisse - egal oder wichtig ??
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Hallo,
ich habe vorhin bei der Illgner die brisante Talkrunde zu der Situation in Georgien verfolgt.
Nun ist Georgien für mich (noch) kein erstrebenswertes Reiseziel, deshalb trifft hier die Frage nicht zu.Aber ich habe sie mir gestellt, weil ich annehme, daß beispielsweise viele Touristen an Kubas Stränden liegen, sich von Einheimischen verwöhnen lassen, aber sich nur selten für die politische Lage im Lande bewußt sind.
Oder Vietnam erleben und nur wenig von den Machtstrukturen zu erfahren.
Oder meinetwegen auch auf Sizilien urlauben mit dem Wissen um die Einflußsphäre der dortigen Clans.
Beispiele könnte ich jetzt noch Einige nennen.Also, stellt Ihr die Auswahl Eurer Reiseziele in Zusammenhang mit den jeweils politisch Regierenden, also der Machtverhältnisse insgesamt ??
Für mich muß ich mit "jein" antworten.
Z.B. in FL war es mir vollkommen egal, ob die schwarzen Servicekräfte im Supermarkt weniger verdienen als ihre weißen Pendants.
Genauso egal war es mir in St. Petersburg, ob das Restaurant, wo wir gerade waren, angeblich im Besitz einer mafiaähnlichen Vereinigung war.
Andererseits hatten wir vor ein paar Jahren einen Urlaub in Israel abgesagt, weil wir nicht in die Konflikte geraten wollten. Ähnlich hatten wir uns verhalten, wo in der slowakischen Region um Kosice die Zigeunerunruhen waren und wir den Besuch bei unseren dortigen Freunden abgesagt hatten (was sie uns leider, vielleicht auch zurecht, bis jetzt nicht verziehen haben).Blödes, sensibles und schweres Thema, ich weiß.
Aber ich wäre nicht Erwin, wenn ich sowas nicht mal aufmachen würde !Erwin
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Hallo Erwin,
das ist kein blödes,jedoch schwieriges Thema,typisch Holzmichel
Als die Unruhen in Kenia Anfang des Jahres waren sind wir bewusst nicht dorthin gereist.Nicht aus Angst vor Anschlägen,nein weil wir ein Land nicht berreisen wollten das einerseits doch auf den Tourismus angewiesen ist,aber die Regierenden nichts an ihrem Verhalten ändern wollten.
Hat sich ja mittlerweile wieder gelegt,zum Glück.Andererseits habe ich darüber nachgedacht wenn wenn soviele Urlauber wegbleiben,ja was wird aus den Menschen dort die nichts dafür können und auf uns Touris angewiesen sind. Es wurden noch mehr Menschen arbeitslos,die Armut nicht besser,ein Kreislauf eben.
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Holzmichel wrote:
Z.B. in FL war es mir vollkommen egal, ob die schwarzen Servicekräfte im Supermarkt weniger verdienen als ihre weißen Pendants.Kann ich mir kaum vorstellen. Died Löhne werden in der Regel ausgehangen und jeder verdient gleich viel (im Falle der USA eher gleich wenig). Rasse spielt keine Rolle, auch wenn viele Amerikaner Schwarze nicht gerad mögen. Selber meide ich auch alle Schwarzen Viertel sofern möglich.
Zur Frage:
Es ist mir schnurz, solange ich mich nicht selbst in Gefahr begebe. Ob unsere populistische Demokratie so wirklich das beste ist wage ich zu bezweifeln.
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Ich denke, das sind 3 interessante Themen in Einem.
1. "Politische Machtverhältnisse sind nicht OK"
Die Frage müßte man anders herum stellen. Nach meiner Ansicht sind Machtverhältnisse höchstens in 30% der Welt OK, alles Andere sind Diktaturen, Junta-Regime oder sozialistische Unterdrückungsstrukturen. Die Staaten, in denen Chancen- und Bildungsfreiheit fehlen, in denen die Pressefreiheit eingeschränkt wird und Ethnien unterdrückt werden sind ganz klar in der Überzahl. M.a.W. sind die Teile der Welt in denen Liberlität, weitgehende Chancengleichheit und Gewaltfreit seitens des Regimes herrschen eigentlich Inseln auf der Welt (Europa, Australien, Nordamerika, einige Asien, wenige Afrika, einige Südamerika).Klares NEIN zu Reisen in Länder, in denen Ethnien Gewalt angetan wird.
Wirtschaftlich schwache Länder, in denen viele Arme leben, kann man meiner Meinung nach aber durchaus bereisen, weil es letztendlich auch niemandem nützt, wenn man zu Hause bleibt. Zweites Entscheidungskriterium ist dann noch die Sympathie, die man mit den Menschen (nicht mit dem Regime hat). Das ist eigentlich der ausschlaggebende Faktor einer Entscheidung für oder gegen eine Reise in diese Länder.
2. "Länder, in denen offene militärische / ethnische Konflikte herrschen"
Schon aus Selbsterhaltungstrieb würde ich in solche Länder nicht reisen. Außerdem macht es sicher keinen Spaß, sich am überbordenden Buffet zu bedienen, während 50 km weiter Leute erschossen oder aufgehängt werden. Das spricht gegen mein Ethikgefühl.3. "Länder, in denen ein erhöhtes Terroanschlagrisiko herrscht"
Von Reisen in In Staaten mit erhöhtem Terror-Risiko lasse ich mich nicht abhalten , weil ich mir von irgendwelchen durchgeknallten Terroristen nicht vorschreiben lasse, was ich zu tun und zu lassen habe.Gruß Serramanna
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Hallo Erwin,
wenn ich da an Sizilien denke, für mich ein wunderbares Reiseziel, dann ist mir klar, daß die Mafia an meinem Besuch verdient. Hier ist es aber im Gegensatz zu den meisten anderen entsprechenden Ländern so, daß Touristen von besagter Mafia eher noch geschützt werden.
Hier geht es eben nur ums Geld.Wenn ich da aber an die beiden alten Damen in China denke, die man wohl inzwischen schon zur Umerziehung "fortgebracht" hat, würde ich jetzt noch weniger nach China reisen wollen als vorher.
In Länder zu reisen, in denen die Menschenrechte mißachtet bzw. Menschen geknechtet werden, ist abzuwägen.
Hier steht auch bei mir ein Jein als Antwort auf die Frage, ob ich solche Länder generell aus meinen Reiseplänen ausklammere.
Gruß Reisemarie
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interessant ist ja, dass der Tourismus insbesondere in Ländern mit "Demokratie-Defiziten" boomt: Ägypten, Türkei, Dom.-Rep., und als "historisches" Beispiel Spanien unter der Franco Diktatur
Also für mich, als politisch denkenden Mensch, spielen die politischen Verhältnisse schon ein Rolle. Da ich zudem mit meinem Partner in einer eingetragenen Partnerschaft lebe, sind islamische Länder auf "meiner" Reiseliste gestrichen - wie z.B. auch Jamaika.
Leider habe ich den Eindruck, dass es für sehr viele Reisende einfach warm und billig sein muss!
Heinz
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Hallo zusammen,
in der Tat kein einfaches Thema. Mit ja (Zustimmung) oder nein (Ablehnung) kann ich dieses Thema sicherlich nicht beantworten.
Beispiele:Soll ich ein Land ignorieren und nicht besuchen weil:
- ich als Tourist in Italien die Mafia unterstütze ?
- ich als Tourist die Türkei und damit eine Regierung unterstütze, die die
Kurden als Volk/Eigenständigkeit nicht akzeptiert ? - ich als Tourist in Spanien eine Regierung unterstütze, die den Basken ihre
geforderten Freiheiten nicht zugesteht ? - ich als Tourist das Baskenland unterstütze und damit die ETA ?
- ich als Tourist in Tunesien eine Regierung und damit den Präsidenten
Ben Ali unterstütze, der nach Meinung von Regierungskritikern
diktatorisch das Land beherrscht ? - ich als Tourist die Regierung der USA unterstützen, ein Staat der
bezüglich seiner (Kriegs) Politik (Vietnam, Nah-Ost usw.) weltweit immer
wieder verurteilt wird ? - ich als Tourist Rußland und damit die Regierung unterstütze, ein Land
das immer wieder seine Macht gegenüber Nachbarstaaten ausspielt
(aktuell Georgien) ?
Diese Liste kann man bezogen auf viele Staaten fortsetzen. Bedenken sollten wir aber, dass wir als Tourist auch das jeweilige Volk unterstützen.
Völker die für die Taten ihrer jeweiligen Regierung gar nicht oder nur teilweise verantwortlich sind.
Somit reise ich auch in die oben aufgeführten und andere Länder. Auch China würde mich nicht abhalten. Wenn wir aus unserer Sichtweise ein Fehlverhalten bei anderen Ländern suchen, werden wir immer welche finden. Auch im eigenen Land - Deutschland !So meine Meinung.
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@UteEberhard
Wobei ich es schon toll finde, wenn man sich - wie Du/Ihr Gedanken über "seine" Destination macht und zumindest weiss, welche politischen Verhältnisse dort herrschen! -
@ Aqanathus
Hallo in die Schweiz,
danke, aber ich denke so groß ist der Aufwand über das "Wissen" der Destination nicht. Täglich 1/2 Stunde Zeitung lesen, 15-20 Nachrichten über TV oder Radio, ein realativ gutes Gedächnis und man ist recht gut informiert über die Weltpolitik.
Aber was soll ich den alles wirklich glauben ? Beispiel:
Ist Ben Ali in Tunesien wirklich ein Diktator ? Immerhin hat sich Tunesien wie kaum ein Land in Afrika so positiv entwickelt, im wesentlichen durch den Tourismus. Dem Volk geht es verglichen mit anderen Ländern in Afrika recht gut.
Ist also die (angebliche) Diktatur sogar für das Volk förderlich ?Das sollte nur zeigen wie umfangreich oftmals so ein Thema sein kann.
Man könnte darüber Bücher schreiben - Pro+Contra - .
Will ich aber nicht, möchte in vielen Ländern Urlaub machen, zeige aber auch Interesse für das Land und spreche auch gerne mal mit den Menschen dort, über was auch immer (Tourismus, Touristen, Politik, Wirtschaft oder auch nur über Sonne, Wind und Wetter).Schönen Urlaub an alle, ein wenig Info über das Land in das ich reise, ist nicht schädlich.
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Agapanthus wrote:
Leider habe ich den Eindruck, dass es für sehr viele Reisende einfach warm und billig sein muss!Und genau dieser Eindruck kam in mir hoch, der mich dann veranlasste, vergangene Nacht diesen Thread zu eröffnen.
Und wenn ich ehrlich bin, gehöre ich manchmal selbst zu dieser Gruppe der Reisenden. -
Ich finde das Thema sehr spannend. Aber ich wette, dass die Resonanz hier nicht so groß ist.
"Was soll ich mir den Kopf über das Land hier und die Politik machen. Hauptsache hier läuft der schwarze Kellner für mich, bringt mir mein Bier wie zu Hause - all inclusive".Solche Meinungen gibt es, wenige sind es nicht !
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Warm und billig ist wahrscheinlich ein Kriterium, um ein Land zu bereisen. Das andere, mein Kriterium wäre, andere Länder, Menschen und Kulturen kennenzulernen, soweit dass in einem Urlaub möglich ist. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand irgendwo urlaubt, um dort in erster Linie aus Nächstenliebe die Einheimischen zu unterstützen.
Wenn meine persönliche Sicherheit gewährleistet ist, mache ich auch Urlaub in Ländern wie Kuba und der Dom. Rep. usw.
Länder, in denen es zu politischen Unruhen mit Attentaten und Terroranschlägen kommt, würde ich nicht bereisen. Ebenso auch nicht Länder zu Zeitpunkten, in denen man mit Naturkatastrophen rechnen muss, z.B. würde ich während der Hurrikan-Saison die Karibik meiden. -
Du wirst recht haben, es wird wohl keine grosse Diskussion geben. Eher wird hier mit Inbrunst darüber diskutiert ob AI bis 23.30 oder 24.00 geht, ob der Swimming-Pool nun 2.34 oder 2.45 lang ist oder ob der Flug zwei Stunden Verspätung hat.
Ich möchte noch betonen, dass ich es nicht ablehne, wenn jemand in einem Land mit "Demokratie-Defizit" Ferien macht* - insbesondere wenn man bedenkt, dass es wohl keine völlig unproblematischen Destinationen gibt. In Mallorca ist z.B. der enorme Wasserverbrauch durch den Tourismus problematisch, in der Schweiz die "Verschandelung" der Landschaft durch Skianlagen etc. etc. etc.
Ich begrüsse es einfach, wenn sich jemand zumindest Gedanken macht *und es dann ggf. für ihn Grenzen gibt (für uns z.B. Iran).
Ein Knackpunkt ist dann halt schon noch der Preis. Zwei Wochen Individual-Ferien in guten Hotels in Italien + zusätzlicher Verpflegung in Restaurants ist halt viel teurer als 2 Wochen Ägypten AI. Insbesondere, da es für viele nicht bei einmal Ferien im Jahr bleibt!
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Tatsächlich ein sehr interessantes Thema das mich zum Nachdenken veranlasst hat.
Mit einem klaren JA oder NEIN kann ich die Frage allerdings auch nicht beantworten.
Die eigene Tendenz geht dahin das ich mich von innerpolitischen Problemen des Landes nicht abhalten lasse. Diese Probleme hat jedes Land und vor meiner eigenen Haustür, sprich in D geht es schon los und hier lebe ich.
Bei außenpolitischen Problemen müsste man abwägen wie groß diese sind und ob Gefahr für Leib und Leben besteht. In Krisen und/oder Kriegsgebiete würde ich nicht fahren.
Zu den Beispielen der kriminellen Strukturen in den jeweiligen Ländern kann ich auch nur sagen das wir auch die in D genauso haben. Das fängt beim Rassismus an und hört bei den Mafiosis auf. Diesbezgl. macht also das Urlaubland keinen Unterschied.Ich bin gespannt von welchen Seiten dieses Thema noch beleuchtet werden kann.
LG
Sandra
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Aber mal andersherum gefragt, weil von dir Holzmichel das Beispiel mit Kuba kam.
Was wäre, wenn der Tourismus z. B. eben auf Kuba nicht so ausgeprägt wäre wie er ist? Dann wären die Leute noch ärmer und es gäbe noch noch weniger Arbeitsstellen. Also ich denke, man sollte beide Seiten beleuchten!
Da ich ja nun noch ein DDR-Kind bin, fand ich auch letztes Jahr im Urlaub eine Bemerkung eines Urlaubers sehr interessant, der in West-Berlin zu damaligen Zeiten tätig war. Der erzählte, dass die Ossis nichts zum Essen hatten und auch so ziemlich arm dran waren, ein wenig später erzählte er, dass er immer rüber gefahren ist, um zu essen ... Und siehe da, WARUM? Weil es billig war ...
Und genau das ist das, was viele schon bemerkt haben. Manche machen sich absolut keine Gedanken, aber viele Länder, wo nicht so eine Demokratie wie in West-Europa herrscht, sind eben billiger ...
LG
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Es ist effektiv so, dass die Situation von den "Betroffenen", d.h. den Menschen, die in den entsprechenden Ländern leben (resp. von dort geflüchtet sind) betr. Tourismus völlig unterschiedlich eingeschätzt wird. So sollen Tibeter grundsätzlich den Tourismus in ihre Heimat begrüssen, kommt es so (wenn auch begrenzt) zu Einblicken in die chinesische Herrschaft über dieses Gebiet. Die burmesische Opposition betrachtet den Tourismus nach Burma hingegen skeptisch und es wird befürchtet, dass damit das Regime gestützt wird.
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Reisemarie wrote:
Wenn ich da aber an die beiden alten Damen in China denke, die man wohl inzwischen schon zur Umerziehung "fortgebracht" hat, würde ich jetzt noch weniger nach China reisen wollen als vorher.Man sollte nicht immer alles glauben, was deutschsprachige Medien ueber China berichten. Die beiden Frauen sind nach Aussagen von Verwandten schon laengst wieder auf freiem Fuss. Aber diese Meldung ist der beim Thema China zum groessten Teil gleichgeschalteten deutschen Verdummungspresse natuerlich keine Erwaehnung wert.
Ich wuerde nie nach Amiland fahren, wo der Kriegsverbrecher Bush in naechster Zeit mit grosser Wahrscheinlichkeit von einem Mann abgeloest wird, der schon in den 60er Jahren in Vietnam zum Kriegsverbrecher geworden ist.
Viele Gruesse
Cathrin -
Ein sehr spannendes, ergiebiges Thema!
Natürlich macht man sich Gedanken und spricht miteinander darüber.
Die Probleme gehen an niemandem vorbei.Wir halten es so, daß wir keine Länder besuchen, in denen aufgrund der politischen Verhältnisse mit offenen Angriffen auf Fremde zu rechnen ist.
Das sind wir uns selber schuldig, wir würden es uns nicht verzeihen, wenn einer von uns oder beide im Urlaub deshalb körperlichen Schaden erleiden würde.In allen anderen Fällen lassen wir uns von den jeweiligen politischen Machtverhältnissen nicht davon abhalten, bestimmte Länder zu besuchen, und zwar unter anderem deshalb, weil unser Boykott nicht dem jeweiligen Regime schaden würde, sondern ausschließlich den am Tourismus teilhabenden Menschen. Und die hätten es am wenigsten verdient.
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Cathrin,
eine mutige Entscheidung von Dir, die ich respektiere, auch wenn ich sie nicht nachempfinden kann. Was haben schließlich die Menschen, die USA-Bürger damit zu tuen, vor allem diejenigen, die McCain dann nicht gewählt haben werden?
Aber vielleicht kommt es doch anders, wie Du befürchtest. Lassen wir hoffen, daß mal wieder ein Demokrat ans Ruder kommt. Dann sieht die Welt wieder anders aus.