Lange habe ich überlegt, ob ich die Idylle dieses sozialromantischen Biotops stören soll. Jetzt habe ich mich dazu durchgerungen, doch mal meine Ansicht zum Besten zu geben:
Hier sind sich offenbar fast alle einig, dass wir in Deutschland lediglich ein Verteilungsproblem haben, das ganz einfach zu lösen wäre. Man müsste nur von den Reichen nehmen und dem kleinen Mann geben, und schon wäre alles in Butter. Wer so denkt, knüpft natürlich Heilserwartungen an das neue Linksbündnis. Das ist insofern logisch.
Aber muss man sich nicht folgende zwei Fragen stellen:
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Wieviel Geld fehlt jährlich?
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Wieviel Geld kann man den Reichen nehmen und wie oft?
Wenn das Geld, das man den Reichen nehmen kann, nicht reicht, um die sozialpolitischen Wünsche zu erfüllen,was dann? Was müsste man vielleicht noch tun? Das hat hier niemand beantwortet, aufgeworfen wurde diese Frage immerhin von Erika.
Zu beantworten wäre außerdem, wie "die Reichen" auf solches Ansinnen reagieren würden. Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass der Europäische Gerichtshof kürzlich die "Reichsfluchtsteuer" für Firmen- und Wohnsitzverlegungen innerhalb der EU verboten hat.
Hier scheint der fatale Irrtum vorzuherrschen, dass es keine Armut mehr gibt, wenn man den Reichtum abschafft. Alle sozialistischen/kommunistischen Experimente der Vergangenheit haben das Gegenteil bewiesen.
Ich habe einen anderen Ansatz:
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Wir haben zu wenig Arbeitsplätze. Demzufolge ist alles sozial, was neue Arbeit schafft, und alles unsozial, was Arbeitsplätze verhindert oder abbaut.
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Wir leben in einer globalen Welt, ob uns das passt oder nicht. Wir werden uns den Herausforderungen stellen müssen, und damit auch der Konkurrenz. Vermutlich müssen wir uns langfristig darauf einstellen, für weniger Geld mehr zu arbeiten. Das gefällt mir auch nicht. Ich mache dieses Jahr auch fünf Wochen Urlaub in Bulgarien. Darauf würde ich ungern verzichten. Aber wenn es sein muss...
Und noch etwas: Wir haben eine enorme Staatsverschuldung. Die Sozialleistungen der Vergangenheit wurden also gar nicht von uns erarbeitet, sondern werden unseren Kindern und Enkeln zur Bezahlung in Form von Schuldentilgung überlassen. Ist das vielleicht sozial?
Meiner Meinung nach haben wir ein strukturelles Problem, das seit den 70er Jahren entstanden ist. Damals begann das große Schuldenmachen, das Leben auf Pump. Übrigens auch in der DDR. Sowohl in der BRD wie auch in der DDR wurden die ungeheuren Aufbauleistungen nach dem 2. Weltkrieg praktisch ohne Staatsverschuldung erbracht. Erst mit der sozialliberalen Regierung im Westen und unter Honecker im Osten begann das fast zügellose Schuldenmachen.
Ich bin für die Zukunft pessimistisch. Die sozialromantischen Vorstellungen, die hier im Thread vorherrschen, werden von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung geteilt. Da kann reagieren, wer will, sobald er ernsthaft das Sozialsystem an die Realität anpassen will, wird er abgewählt werden.
Ich fürchte, es kommt die Stunde der Rattenfänger, der Demagogen. Das neue Linksbündnis zählt für mich bereits dazu, ebenso wie die NPD und die DVU. Alle diese locken die Wähler mit einfachen Lösungen. Als ob es die geben würde!
Viele Grüße
Bulgarienfan