Hola,
liebt ihr auch die spanischen Balkone? Dann lasst uns mal nachschauen was es damit so auf sich hat und hatte!
Eigentlich sind diese „Vorhänger“ an den Häusern nie dazu gedacht gewesen so richtige Balkone in unserem Sinn zu sein. Sie waren nicht einmal für ein gemütliches Kaffee - Pläuschen geeignet Vielmehr waren sie, und vielleicht heute auch noch in Nobelhäusern, mehr ein Standes- und Statussymbol und der Würde derer die dort wohnten. Man zeigte ja gerne nach außen hin wer und was man ist, in Ermangelung der heutigen entsprechenden Nobelkarosse. Überwiegend waren diese Balkone nicht viel weiter als nur einen Meter vorgebaut, und ganz aus Holz gefertigt, aber dazu komme ich noch! Damals, wie auch heute, sind dahinter keine Fenster, sondern große Flügeltüren bis an den Boden. Also dienten sie auch der Sicherheit. Jedenfalls befanden sie sich immer an der vorderen Hauptseite des Hauses. Und die Brüstungshöhe von 105 bis 115 cm war und ist vorgeschrieben. Wie bei uns, nur wer hat von wem abgeschaut?
Ganz lustig hat mir das ein spanischer Edelmann, aber ein aufgeschlossener und fideler, einmal so erklärt:
Also Don und Dona sollten die Eltern sein (Don heißt eigentlich nur Herr oder Lehrer), aber es hört sich gut an. Und dann gibt es noch die flügge gewordene Tochter Donita Maria. Mit dem Namen Maria kann man eigentlich nie was falsch machen!
Wenn nun draußen der Heldentenor ein Ständchen brachte, oder der Stierkampf-Metzger aus der Arena von gestern Abend sich zur Werbung einfanden, dann ging Maria, natürlich erst nach einer Weile, huldvoll auf einen dieser Balkone. Eine Rose im Haar, frisch gestylt, natürlich hatte sie schon längst deren Aufwartungen erwartet, und mit dem obligatorischen Schnupftüchlein in der linken Hand. ….. Frei nach der Oper Carmen!
Wichtig war, dass sie nicht zu nahe an die Brüstung treten konnte, denn dann hätten ihr beide Boys von unten unter den züchtigen Rock schauen können, deswegen war vor dem Geländer noch extra ein Balken, der den Abstand vergrößerte. Dona Mama passte derweil auf, dass das Töchterchen nicht auf Abwege kommt, vielleicht wie sie einstmals!
Damals war unten ohne noch nicht in!!!!
Nun wollen wir das aber genauer wissen! Machen wir doch einmal einen Besuch bei einem der diese moralischen Schranken der Marias baut, einem Balkon-Schreiner und Drechsler in der Nähe von Icod de los Vinos.
Er ist ein alter Herr und einer der letzten seiner Zunft. Und er ist das, was man die Güte, Lebenserfahrung und Freundlichkeit in einer Person nennen könnte. Ein Laster hat er: Er hat eine Frau, Kinder, Enkel und raucht für sein Leben gerne Pfeife! Letzteres ist das Laster! Dem wurde von uns auch in würdiger Weise mit viel Tabak gehuldigt.
Seine Werkstatt ist ein ganz alter Bauernhof, und man kommt sich vor, wie wenn man einen großen Künstler, einen Schnitzer oder Geigenbauer besucht. Er empfing uns gleich mit einem Kaffee.
Draußen vor dem Haus lagerten große Mengen Holzzuschnitt als Kant- und Rundhölzer unter Planen im Schatten in Längen von ca. 2 Metern. Das ist wichtig, denn sonst wird das Holz krumm und schwer bearbeitbar. Wohl merkte er, dass wir ungeduldig waren das Heiligtum seiner Werkstatt sehen zu dürfen, aber immer noch ein „manana, manana“. Hinterher verriet er uns, das er sich über den Besuch gefreut hat, und die Zeit so lange hinauszögerte, weil doch sonst niemand vorbeikommt, der für sein Tun heute noch Verständnis hat, und auch das nötige Geld!
Die Werkstatt war wirklich die eines Künstlers. An der Längswand eine lange, vielfach gelagerte Welle, ich glaube das nennt man bei uns wohl ein Vorgelege, davon gingen etliche Riemenantriebe hin zu den Dreh- und Drechselbänken, natürlich ohne Programmsteuerungen, die ausgekuppelt werden konnten. Alles machte einen sehr alten Eindruck. Die Wände hingen voller Werkzeuge (Beitel), Vorlagen und Schablonen für die Holzbearbeitung. Er verriet uns auch, dass heute die meisten Hölzer von Festland und von anderswo herkämen, denn das harzige Pinienholz muss erst viele Jahre ablagern. Aber alles was er verarbeitet kommt aus Spanien!
Und dann schritt er zur Tat, einer perfekten Demonstration seines Könnens; jetzt war er kein alter Herr mehr, sondern ein begeisterter Perfektionist in seinem Element. Die Drechselei ging ihm nur so von der Hand, die Späne flogen nur so. Wir haben nur gestaunt!
Alle diese Balkonstreben/säulen haben den gleiche Charakter und vielfach auch das gleiche Profil und Muster. Das ist seit Jahrhunderten überliefert.
Uns wurde auch erklärt, dass man heute solche Balkone per Katalog von der Stange bestellen kann, als laufende Meter, wie bei uns ein Holzzaun.
Bei unserem „Künstler“ durfte ein Balkon keine Schrauben, Stahlbolzen, Winkeleisen enthalten; alles muss verschränkt, verdübelt oder verklinkt sein. Leim wird akzeptiert!
Die Handwerksarbeit kann man heute kaum noch bezahlen, jedoch das Ergebnis ist sichtbar, nicht nur für alle „Marias“.
Einer seiner Schwiegersöhne steigt in den Betrieb ein, so dass die Tradition weiterlebt. Auch die Auftragsbücher sind voll bis hin nach Griechenland.
Der ‚Kerl’ ist halt bekannt!
Trotzdem haben er und seine anwesende Familie sich sehr über unseren Besuch gefreut, und wir bekamen noch einen kleinen gedrechselten Stab als Andenken mit.
Danke Juan! So leicht vergessen wir dich nicht!
Gruß
Dieter