Wer sich ordentlich auf Japan vorbereitet, der kommt nicht daran vorbei über ein oder zwei Nächte in einem Rayokan nachzudenken. In Japan steht die Familie über allem, auch über der Religion. Damit man die Familie mal wieder in üppiger Umgebung treffen kann gibt es im japanischen Leben eben Rayokans: Japanische Familienhotels - üblicherweise teuer, üblicherweise in schöner Umgebung und üblicherweise eher spartanisch ausgestattet, was den Übernachtungsbereich angeht. Kanamayen liegt am Fusse des Mount Fujij und ist daneben für sein Onsenbad bekannt, thermisch beheizt vom nahen Vulkan und seinem heissen Untergrund. Ich mache den Fehler uns buche das japanische Zimmer und nun mein Tip: Man sollte Japaner sein, um das Konzept des spartanischen Rayokan zu verstehen. In der ersten Nacht schlafen wir auf Matratzen und auf einem kalten Boden. Das bedeutet nicht, dass die Übernachtung günstig ist – nur sehr authentisch und einfach. Diese erste Nacht kalte und überwiegend wach liegende Nacht auf kaltem Boden hat uns dann aber investitionswillig gemacht. Mit einer weiteren nennenswerten Investition upgraden wir uns auf eine europäische Suite und haben den Himmel auf Erden. Dass das kostet - klar. Mein Tip: Man muss schon gut auf sich selber hören, ob man die japanische Kultur leben will, oder ob der Versuch sie zu verstehen reichen kann. Ich empfehle (für mein Weltbild) Zweiteres - gepaart mit der Bereitschaft hier richtig, richtig Geld auszugeben. Am letzten Morgen steht dann auch der bisher verhangene Fuji fensterformatfüllend in unserer Suite - da bleibt der Atem weg.
- ZimmergrößeGut
- SchlafqualitätEher gut
- SauberkeitGut
Erstes Zimmer: Unvorsichtigerweise und in japanisch-Entdeckerischer Euphorie getauchter Vorfreude schuldend entschieden wir uns für ein Zimmer im japanischen Stil - für Europäer im allgemeinen und für mich im besonderen eine desaströse Entscheidung. Das Zimmer hat keine Möbel, Betten werden während des Abendessens auf dem Boden zu einem Matratzenlager arrangiert. Ein Feeling, wie wir mit 20 beim Studentenkumpel im Wohnheim angetrunken in der Grossstadt übernachtet haben. Unglaublich bei dem Preis, der aber Essen und Loungezugang beinhaltet. Dazu kommt ein Bad im wirklich übelsten Billigstil, Plastikwanne, Plastikwaschbecken. Das Ganze lässt sich auch nicht wirklich klimatisieren- entweder Fenster auf und bitterkalt, oder stickige Tropentemperatur per Klimaanlage. Der Boden besteht aus irgendwie bambusähnlichem Belag, das ist wichtiger, als in fast allen anderen Hotels der Welt, da sich das Leben ausschliesslich auf dem Boden abspielen kann. Die erste Nacht auf dem kargen Boden bringt Rückenweh und die Bereitschaft weiter zu investieren - mit dem Effekt, dass wir auf eine Suite in westlicher Manier upgraden. Zweites Zimmer: 60 m2, Wohnbereich vor grossem Fenster mit Fuji-Blick und ein Privatonsen auf dem Balkon. Luxus pur. Betten, so gemütlich wie sie sein müssen. Da das Wetter grauselig ist, müssen wir kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir einfach hier blieben und geniessen. Was für ein Unterschied zum Vortag. Der Preis ist gewürzt, also gepfeffert, gesalzen und noch etwas mehr. Als am Morgen aber der Fuji ins Zimmer lacht, da ist die Kohle vergessen - Geld soll man ja nicht haben, sondern sich damit glücklich machen.
- EssensauswahlGut
- GeschmackGut
Zum Rayokan gehört ein Kaiserdinner und das ist sehr gelungen. Die japanische Küche fährt auf, was geht - Sashimi, Miso, Beef, mein geliebtes gepickeltes Gemüse. Bei dem Weinangebot (man verwendet grosse Namen, aber der Geschmack des japanischen Weins ist eher enttäuschend) bleibe ich gerne beim Bier. Am Ende ist Vieles geschmacklich gut, einiges sehr gut, anderes nicht so toll - Geschmacksache eben. Am zweiten Abend esse ich im Menue das anbetungswürdigste Stück Rindfleisch, das ich jemals gegessen habe. Das Hotel bietet eine Weinlounge in der es Bier vom Fass (lecker) und Wein (ist nichts für Kenner) gibt. Zu den unterschiedlichen Zimmerkategorien gehören unterschiedliche Frühstücksvarianten. Am ersten Morgen gibt es kombiniert japanisch-europäisches Futter, gute - aber nicht sensationelle Auswahl. Wer Makrelenragout nach dem Aufstehen mag, der ist hier richtig. Am zweiten Morgen ist die Auswahl ungleich grösser, dazu gibt es nun auch eine Eierstation. Man muss morgens noch nicht hervorragendes Sashimi essen - hier kann man es aber. Ich bin nach dem acht-Gänge-Menü vom Vorabend noch satt, aber die Auswahl ist super.
Bester Service
- Gästebetreuung
Der Service ist sehr aufmerksam, manchmal einen Ticken zu unterwürfig, aber sehr freundlich. Was etwas schwierig sein kann, das sind die fehlenden Englischkenntnisse am Front Desk. Hier wird dann mit Apples Übersetzungsprogrammen gearbeitet. Bei unserer komplexen Situation zwischen den Stilen Jugendherberge und Luxusambiente wäre eine gepflegte Kommunikation in englischer Sprache schon wichtig gewesen. Wir können immer nur knapp vermeiden, dass traditionell gekleidete und sehr zierlich gebaute, junge Japanerinnen unsere 25+Kilogramm schweren Koffer durch das Hotel tragen. Beim Diner ist der Service nach meinem Geschmack etwas zu devot, aber auch hier verhindern Sprachbarrieren eine kleine Unterhaltung.
- Lage für SehenswürdigkeitenGut
ÖPNV-Erreichbar
- Nein
Parkplätze in der Nähe
- Ja
Zwei Stunden Zugfahrt von Tokyo investiert man um hier hinzukommen. Mit dem Auto würde es noch mehr sein, obwohl die Entfernung nur etwas mehr als 100 Kilometer ist, aber wir sind im bergigen Umland der Hauptstadt. Die Stadt am Hotel ist eher dörflich und läge hier nicht der heilige Mount Fuji im Nebel, ich wäre hier nie im Leben gelandet. Drei Kilometer von der Zugstation Mount Fuji liegt das Hotel. Die Attraktion ist der Berg, der aber versteckt sich zunächst – dann ist es hier etwas eintönig. Spontane Flucht ist ohne Auto nicht möglich. Die Auflösung der Wolken kommt am letzten Morgen und der Eindruck ist atemberaubend. Ein hotelbetriebener Bus verbindet übrigens das Hotel mit der Shinkansen-Station Mishimi, von hier geht es dann nach Kyoto - Richtung Westen.
Unerwartete Kosten
- Ja, es gab unerwartete Kosten.
Wenn man von der zunächst gebuchten japanischen Zimmervariante zur europäischen aufbuchen möchte kann es teurer werden.


