- Preis-Leistungs-VerhältnisSehr gut
Das Ziel war Marrakesch. Marrakesch erleben, hautnah und authentisch. Schon beim Abflug haben wir uns gegenseitig angesehen, in unseren Gesichtern gegenseitig die Freude darüber entdeckt, dass wir wieder auf einer Reise sind. Das mit der fehlenden Beinfreiheit hatte ich schon wieder vergessen, klar ist das nicht angenehm, aber diesmal sind es nur ein paar Stunden und noch mit Umsteigen verbunden, da kann man sich die Beine vertreten. So ist das eben im Flieger. Da wir am frühen Nachmittag landen, ist uns schon mal ein Blick aus der Kabine auf die rote Stadt im schönsten Sonnenlicht vergönnt. Landung, Paßkontrolle mit ein paar kleinen Formalitäten, Gepäck vom Band holen und raus. Unsere Unterkunft haben wir von zu Hause gebucht, man hat uns einen Wagen geschickt, der uns abholt, der Fahrpreis ist auch schon vom Riad verhandelt, also gar kein Stress für uns. Wir haben unsere Unterkunft mitten in der Altstadt gebucht, dort sind die Gassen teilweise so eng, dass wir nicht mit dem Auto bis vor die Tür fahren können. Der Fahrer parkt das Auto und begleitet uns mit unseren Rollkoffern einige hundert Meter zu Fuß bis an die Tür des Riad. Auf dem Weg bekommen wir einen ersten Eindruck vom quirligen Alltag in der Medina. An die vielen rasenden Mopeds und das ständige Hupen und die Abgase werden wir uns erst in einigen Tagen gewöhnt haben. Und überhaupt der Verkehr….. es wird gefahren, wie es gerade geht, Regeln haben die Qualität von Ratschlägen. Aber das ist in Asien nicht unbedingt anders und Europa kann sich mit Neapel,Rom oder Paris mit einreihen.Und was ist mit New York? Bei all dem Chaos ist die Unfallgefahr geringer als man meint. Sie können das, mit unglaublicher Wachheit wird das unvermeidlich Scheinende immer wieder abgewendet. Und: die bei uns übliche Aggressivität fehlt fast völlig; entspannter Wahnsinn eben. Typisch Marrakesch. Die schwere beschlagene blaue fensterlose Tür am Ende einer Gasse öffnet sich auf unser Klopfen und wir blicken in einen lichten Innenhof, die Wände mit Ornamenten verziert, Orangenbäume wachsen im Hof und ein riesiger Tisch und einige kleine laden mit ihren Bänken und Sesseln zur ersten Rast. Die große Tür wird geschlossen und die Welt ist draußen. Ein Phänomen, das wir immer wieder erleben: Quirlige belebte, laute und auch stinkige Gassen, auch schmuddelige alte Häuser und Baustellen und es öffnet sich eine Tür und verschluckt uns in eine stille saubere friedliche andere Welt.Typisch Marrakesch. Der große Tisch wird für uns bis zur Abreise der morgendliche und abendliche zentrale Kommunikationspunkt sein. Hier treffen sich die Gäste zum Essen( immer gut), erzählen von den Tagesplänen, tauschen Tips und Erfahrungen aus und lassen sich von den Gastgebern beraten. Ausflüge können gebucht werden, zum Glück auch mit Fahrern, die die hiesige Verkehrskunst beherrschen und dann auch die Ortskenntnisse haben. Ganz naheliegend, tatsächlich nur wenige hundert Meter weg und immer verlockend sind die Ausflüge in die Märkte, die labyrinthigen Souks. Dazu irgendwann mehr. Am Abend geht es wieder von vorn los am großen Tisch: wie war es denn bei euch heute ? Das uns so unbekannte Thema des Preisverhandelns wird wieder und wieder neu beleuchtet. Wie kommt der Wert einer Sache zustande ? Sollte man sich hier auch mal fragen, und das nicht nur bei Telefontarifen und anderen " Flat Rates ". Der große Tisch… Der große Tisch ist der " magic table", der die Gäste durchmixt und den Austausch in Gang bringt. Wer es diskreter möchte, kann sich auch an einen kleinen Tisch setzen. Wir haben uns zweimal vom großen Tisch aus spontan anderen Gästen angeschlossen und dasselbe Ziel gemeinsam besucht - und es nicht bereut. Vielleicht sind die Voraussetzungen für gemeinsames Erleben günstiger mit anderen Reisenden, die genau so spontan und frei unterwegs sein wollen. Die Dachterasse ist der zweite gemeinsam nutzbare Platz im Riad. Sie erlaubt einen Blick in die Medina mit einerseits prachtvoller Aussicht, andererseits werden aber auch die umgebenden Ruinen von hier oben sichtbar. Viele alte Häuser werden noch nicht wiederhergestellt, manche Preisvorstellungen sind auch zu hoch, so daß auch der Anblick dieser Ruinen zum Bild von Marrakesch gehört, zumindest in der Altstadt. Auf jeden Fall kann man hier im Schatten ruhen, sitzen und lesen oder träumen und die jetzt beschneiten Berge des Atlas betrachten, bis man von den Rufen und Gesängen zum Gebet wieder geweckt wird. Nach den gemeisam zu nutzenden Räumlichkeiten nun zu den Gästezimmern. Jedes ist anders und mußte in der Entstehung den räumlichen Vorgaben abgetrotzt werden. Alle Zimmer liegen um den Innenhof herum und haben von der Hofseite bis zur Außenwand nur zwei bis maximal drei Meter Tiefe. Hier muß die Schlafstelle eingebaut werden, der Platz für Garderobe und noch ein Tisch und Stühle als Minimalbestückung.Einen eigenen Zugang braucht das Zimmer, dafür mußten vielleicht Treppen neu entstehen. Daß diese nicht unbedingt immer den goldenen Schnitt haben, ist verständlich. Auch die Kopffreiheit ist nicht immer so großzügig wie zu Hause. Und dann soll noch ein Bad her, klar. Dazu braucht man Zuleitungen und Stränge zur Entsorgung, die in die Architektur des Gebäudes passen müssen. Und das Ganze wird auf eine sanitäre Infrastruktur aufgesattelt, die aus Zeiten stammt, als in Europa noch der Nachttopf achtlos auf die Straße entleert wurde. Daher muß hier auch sparsam mit Wasser umgegangen werden. Es läuft nicht so ab wie wir es gewohnt sind.Naßmachen, Einseifen, langsam Abduschen. Wer zu lange duscht, lässt seinem Partner nur noch kaltes Wasser, es ist halt anders berechnet. In der Medina kann nur behutsam renoviert werden. Baumaschinen und Kräne passen nicht durch die Gassen, Schutt und Baumaterial müssen auf Eselkarren transportiert werden.Alles ist Handwerk mit Schaufel, Kelle, Eimer etc. Und sie können es, die handwerklichen Kenntnisse leben überall in den Häusern, Werkstätten und Gassen. Und dann diese Lust an Ornamentik und Verzierungen, eine unendliche Vielfalt an Mustern und Variationen. Teilweise schon sehr verspielt, aber typisch Nordafrika. Eigentlich verdienen die Handwerker noch eine ganze Menge an Zeilen mehr, aber das müssen wir verschieben.Nur eines sei noch erwähnt: man kann ALLES reparieren in Marrakesch. Vielleicht das typischste an Marrakesch, für alles gibt es eine Lösung. Gedankenflug: Ich mochte die Badezimmer. In jedem westlichen Hotel gehe ich zuerst ins Bad, um mich über die Fehler der Fliesenleger zu ärgern. Warum ich das tue, weiß ich nicht, ist jetzt auch nicht wichtig . Aber die Fliesen dort sind gerade, gleichgroß, daher kann man gerade Fugen erwarten und plan angesetzte Fliesen, keine Ecke oder Kante sollte hervorragen. Die Bäder hier sind anders: die Fliesen sind viel kleiner, etwas unegal, es werden mehr Farben verwendet, damit kommt eine entspannte Mosaikstruktur ins Spiel: die Fugen verlieren an Bedeutung für das Bild. Auch werden viel mehr Bögen und Rundungen durch die kleinen Fliesen möglich und die werden mit Lust und Liebe gestaltet. Nicht gerade und rechtwinklig ist die Welt, sondern rundig und mit Bögen und Silhuetten wie Dünen in der Wüste.Oder sonst was. Ich habe dazugelernt, typisch für Marrakesch. Ja, so war das, schön war es: unsere täglichen Ausflüge aus unserem Refugium heraus, immer ein wenig zuerst durch die Altstadtgassen, die bald vertraut wurden, auch einige Einwohner und Gewerbetreibende erkannte man bald oder wurde gegrüßt, besonders wenn man tags zuvor einen Schal erstanden hatte. Danach wurden die Sehenswürdigkeiten besucht, die man sich zuvor hatte empfehlen lassen. Und immer ging es durch wild belebte Straßen mit Autos, Pferdekutschen, Eselkarren, Mopeds und Fußgängern. Wildes Hupen und die Trillerpfeifen der Verkehrspolizisten wetteifern um Gehör und Aufmerksamkeit. Bluthochdruck in den Adern der Medina, die Blutkörperchen wirbeln umeinander ohne aber Schaden zu nehmen. Wenn dann noch auf dem großen Platz, den man eigenartigerweise mindestens einmal am Tag besucht, die schnarrenden Tröten der Gaukler dazukommen und von allen Minaretten der Gesang zur Gebetsstunde ertönt, ja dann ist die Symphonie perfekt. Und dann noch dem mit gefühlt fünfhunder Eiern bepackten Moped entkommen. Marrakesch hautnah und authentisch. "Sie haben ihr Ziel erreicht, auf der rechten Seite, auf der linken Seite, vorwärts und rückwärts." Dann schließen sich die Türen des Riad irgendwann wieder hinter uns. Draußen ist draußen. Das war es jetzt fast… vieles aus meinen Notizen habe ich diesmal weggelassen, nur was mir wirklich wichtig war und was gesagt werden muß, ist hier eingeflossen. Wir haben es genossen hier gewesen zu sein und haben keinen Gedanken daran verschwendet, ob die Betten weich genug sind oder was auch immer. Wir haben nach vielen Ehejahren mal wieder unter einer Decke geschlafen, ich bin mir aber sicher, wir hätten eine zweite bekommen, wenn wir gefragt hätten. Haben wir nicht. Was ich sagen möchte: wenn jemand nicht der Verzauberung erliegt, die diese Stadt ausübt, der läuft Gefahr, daß andere Dinge in den Vordergrund des Bewußtsens dringen, diese Dinge bekommen dann den Charakter von Problemen. Manchmal passt es nicht, das ist dann so. Wertungslos, ohne Schuld. Und, wie sich das gehört,das Beste zum Schluß : Den weitaus größten Anteil, daß wir uns im Riad so wohl gefühlt haben, verdanken wir den Mitarbeitern, die sich dezent, aber sehr kompetent um uns gekümmert haben. Und noch Danke für das immer leckere Essen. Liebe Leser- vielleicht konnte man es erraten, wir waren nicht das erstemal hier. Und sicherlich nicht das letzte Mal. Wir treffen uns am " magic table". Bald!
Beliebte Aktivitäten
- Sonstiges
Infos zur Reise | |
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Verreist als: | Paar |
Dauer: | 2 Wochen im Januar 2017 |
Reisegrund: | Sonstige |
Infos zum Bewerter | |
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Vorname: | Olaf |
Alter: | 61-65 |
Bewertungen: | 1 |
Wir alle: Mustapha, Rachid, Kalthoum, Kawtar, Abderrahim, Touria, Herbert sind begeistert, berührt und dankbar über diesen Kommentar. Das spornt uns an weiter zu machen - wir sind auf dem richtigen Weg. Danke nochmal von uns allen.